Besuch des Europa-Parlaments in Straßburg (23.10.2025)

Kurz vor den Herbstferien konnten sich unsere zehnten Klassen auf einen Ausflugstag der besonderen Art freuen. Gemeinsam mit Frau und Herrn Kümmerle und Herrn Dr. Vadokas von der Europa-Union Heilbronn, die die Fahrt minutiös organisiert hatten, sowie den Begleitlehrern Frau Schatz
und Herrn Jung ging es nach Straßburg ins Europaparlament.
Nach einer spannenden und sehr informativen Gesprächsrunde mit der Ludwigsburger Europaabgeordneten Frau Dr. Andrea Wechsler über die Aufgabe
n des Europaparlaments und den Alltag der Abgeordneten ging es dann auch schon in eine echte europäische Plenarsitzung. Wir hatten Glück, dass genau an unserem Ausflugstag mehrere Sitzungen stattfanden: Wir durften 30 Minuten auf der Besuchertribüne dabei sein. Ausgestattet mit Kopfhörern lauschten wir nicht nur den Politikerinnen und Politikern bei ihrer Arbeit, sondern waren auch von der Arbeit der Simultandolmetscher zutiefst beeindruckt, die die Reden in Echtzeit in fast 30 verschiedene europäische Sprachen übersetzten.
Auch die Architektur des Europaparlaments bestaunten wir an verschiedenen Ecken inner- und außerhalb des Gebäudes, das
so viele Nationen und den europäischen Gedanken vereint. Auf den Nachmittag hin ging es in Straßburgs Altstadt - für viele der erste Besuch der wunderschönen französischen Stadt am Rhein. Die einen oder anderen THGler haben sich nach unserer Fahrt einen Besuch des Straßburger Weihnachtsmarkts fest vorgemerkt und waren begeistert von den vielen Fachwerkbauten.
Die Französisch-Schüler hatten zudem die Aufgabe, mit den Franzosen ins Gespräch zu kommen, und interviewten verschiedene Personen auf der Straße bezüglich der Einstellung und den Vorurteilen gegenüber ihren deutschen Nachbarn. Unsere Schüler erfuhren z.B., dass Deutsche immer nur Würstchen vesperten und furchtbar regelkonform, aber freundlich seien. Abends um 19 Uhr kamen wir nach einer langen Busfahrt wieder am THG an.
Wir bedanken uns vor allem noch einmal ganz herzlich bei Frau und Herrn Kümmerle und Herrn Dr. Vadokas von der Europa-Union Heilbronn für die hervorragende Organisation und Durchführung - vive l’Europe!
Larissa Schatz (Text und drei Fotos, ein weiteres: N.N.)
Berlin (21.-25. Juli 2025)
Am frühen Morgen trafen wir uns noch etwas verschlafen, aber voller Vorfreude am Heilbronner Hauptbahnhof. Mit Koffern, Rucksäcken und jeder Menge Proviant bewaffnet stiegen wir in den Zug Richtung Berlin. Die Fahrt dauerte mehrere Stunden, und obwohl einige versuchten, die Zeit mit Schlafen zu überbrücken, wurde viel gelacht, gespielt und geredet. Zwischendurch genossen wir den Blick aus dem Fenster: erst Weinberge, dann flache Felder, und schließlich die ersten Ausläufer der Hauptstadt. In Berlin angekommen, hieß es zunächst, sich im Gewusel des Bahnhofs zurechtzufinden. Wir bahnten uns den Weg durch das Menschenmeer und erreichten schließlich unsere Jugendherberge. Nach dem Einchecken wurden die Zimmer bezogen. Einige waren positiv überrascht von der Größe, andere eher von der Aussicht. Der erste Eindruck von Berlin war überwältigend: laute Straßen, bunte Graffiti, überall Fahrradfahrer, hupende Autos und der Geruch von Street Food in der Luft. Die Stadt wirkte riesig, lebendig und ein bisschen chaotisch, aber genau das machte ihren Charme aus. Wir spürten sofort, dass diese Woche voll neuer Eindrücke, spannender Orte und unvergesslicher Momente werden würde.
Am Dienstag, dem 22.06., stand ein ausgedehnter Stadtrundgang durch Berlin auf dem Programm. Wir präsentierten an verschiedenen Stationen in der Innenstadt unsere vorbereiteten Referate zu geschichtlichen, politischen und kulturellen Themen. So erhielten wir einen vielseitigen Einblick in die Entwicklung der Stadt und ihre Bedeutung und sahen dabei viele schöne Ecken wie die Museumsinsel. Leider war das Wetter den ganzen Tag über sehr regnerisch, und trotz Regenschirmen und Jacken blieben wir nicht ganz trocken. Der Regen machte den Rundgang zwar etwas anstrengender, tat der Stimmung in der Gruppe aber keinen großen Abbruch. Zur Mittagszeit hatten wir eine längere Pause am Alexanderplatz, in der wir uns individuell etwas zu essen suchen konnten. Viele nutzten die Gelegenheit, um sich in kleineren Gruppen in der Nähe etwas zu holen oder kurz im Trockenen auszuruhen. Am Nachmittag besuchten wir den Deutschen Dom am Gendarmenmarkt. Dort nahmen wir an einer Führung teil, bei der wir viel über die Entwicklung der (Schein-) Demokratie nach dem Nationalsozialismus in der DDR erfuhren. Der Besuch war sehr informativ und interessant. Auch das Abendessen organisierten wir eigenständig. Manche gingen gemeinsam in ein Restaurant, andere holten sich etwas auf die Hand. Danach hatten wir noch etwas Zeit zur freien Verfügung, bevor um 22:00 Uhr Bettruhe war. Trotz des schlechten Wetters war es ein interessanter und abwechslungsreicher Tag mit vielen neuen Eindrücken.
Am Mittwoch begann unser Tag um 08:15 Uhr mit dem Frühstück. Danach machten wir uns auf den Weg zum zweiten Teil unseres Stadtrundgangs durch Berlin, bei dem verschiedene Referate an wichtigen historischen Orten der deutsch-deutschen Geschichte gehalten wurden. Ein besonderes Highlight war die East Side Gallery mit dem berühmten Graffito des Bruderkusses an der ehemaligen Berliner Mauer. Im Anschluss gab es eine kurze Snackpause, bevor wir um 12:40 Uhr die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen besuchten. Die Gedenkstätte befindet sich in einem ehemaligen Stasi-Gefängnis in der Genslerstraße. Dort erfuhren wir mehr über die furchtbaren Haftbedingungen politischer Gefangener in der DDR und die Arbeitsweise der Staatssicherheit. Die Atmosphäre in den original erhaltenen Räumen war sehr eindrucksvoll und hat bei vielen von uns einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Der Besuch dauerte bis etwa 14:30 Uhr. Danach hatten wir Zeit zur freien Verfügung und Zeit, das Gesehene zu verarbeiten. Am Abend war ein gemeinsames Abendessen in einem indischen Restaurant geplant. Insgesamt war es ein spannender und informativer Tag, der uns einen wichtigen Teil der deutschen Geschichte nähergebracht hat.
Am Donnerstag haben wir dann endlich den Deutschen Bundestag besucht. Zunächst gingen wir auf die Dachterrasse des Reichstagsgebäudes und konnten die bekannte Glaskuppel besichtigen. Dort erhielten wir über Kopfhörer eine sehr interessante Audio-Führung, die uns viele Informationen zur Architektur, zur Geschichte des Gebäudes und zu den umliegenden Sehenswürdigkeiten vermittelte. Der Rundgang bot außerdem einen beeindruckenden Blick über die Stadt – vor allem über den sogenannten Tiergarten, also den großen Berliner Park.
Im Anschluss nahmen wir an einem Gespräch im Bundestag teil. Eigentlich war ein Treffen mit Alexander Throm, MdB, geplant, allerdings war er verhindert, sodass ein Vertreter für ihn einsprang. Trotz dieser Änderung entwickelte sich ein sehr spannendes Gespräch. Wir konnten zahlreiche Fragen stellen und erhielten ausführliche Antworten über die Arbeit der Abgeordneten, den Alltag im Parlament sowie über aktuelle politische Themen. Nach dem Gespräch hatten wir noch Zeit, uns im Paul-Löbe-Haus umzusehen, in dem u.a. Büros für Abgeordnete und Sitzungssäle für Ausschüsse untergebracht sind. Dabei konnten wir viele Eindrücke sammeln und einen genaueren Einblick in die Abläufe im Backoffice des Bundestags gewinnen.
Am Abend gingen einige Gruppen schließlich auch noch eigenständig, also losgelöst von den Lehrern, zum Brandenburger Tor. Dort hatten wir die Gelegenheit, die besondere Atmosphäre dieses Berliner Wahrzeichens zu erleben und den Tag gemeinsam ausklingen zu lassen. Insgesamt war der Besuch im Deutschen Bundestag eine bereichernde Erfahrung. Besonders die Kombination aus der Führung durch die Glaskuppel, dem Gespräch mit dem Vertreter, den anschließenden Erkundungen und dem Abendbesuch am Brandenburger Tor hat den Ausflug interessant und abwechslungsreich gemacht.
Am Freitag, dem 25.07. mussten wir dann leider wieder Abschied von Berlin nehmen: Nach einem kurzen Abstecher beim Bundesrat ging es für uns zunächst mit dem ICE in Richtung Bamberg. Zwei Regionalzüge später erreichten wir schließlich Lauda, wo der angekündigte Schienenersatzverkehr leider etwas auf sich warteten ließ. Das letzte, etwas holprige Stück nach Heilbronn legten wir mit einem Gelenkbus auf der Autobahn zurück - eine ungewöhnliche, aber trotzdem interessante Erfahrung unserer Studienfahrt. Entsprechend erleichtert, aber auch geschafft waren wir alle, als wir schließlich wieder zu Hause ankamen.
Insgesamt hatten wir eine wunderschöne Zeit in Berlin, mit vielen tollen Erinnerungen und möchten uns nochmal herzlich bei Frau Schrott und Frau Schatz für ihre Organisation und Begleitung bedanken!
Erdem Kalkan, Samantha Reger, Medine Gül, Amun Neb und Sofia Kühner (Jahrgangsstufe 1); Foto: N.N.
Fachexkursion der 9. Klassen in die KZ-Gedenkstätte Dachau
Montag, 9.2.2026
Nach einer zügigen Anfahrt über Stuttgart und Ulm kamen wir gegen 11.00 h am Jugendgästehaus des Max-Mannheimer-Studienzentrums in Dachau an. Es folgte eine kurze Einweisung in die Hausregeln und die Verteilung der Zimmer und bis 12.00 h hatten die Schülerinnen und Schüler dann Zeit, im großzügigen Aufenthaltsraum die verschiedenen Spielmöglichkeiten (Tischkicker, Tischtennis, Billard) auszuprobieren. Dann gab es als ersten Programmpunkt ein reichhaltiges Mittagessen, bevor es um 13.00 h zur Gruppeneinteilung ging. Die beiden Klassen verteilten sich auf eine Seminarleiterin (Stephanie) und zwei Seminarleiter (Immanuel, Martin), jede Gruppe arbeitete individuell am Seminarprogramm. Als Workshops wurden „Lebenswege von KZ-Häftlingen“ und „Alltag im KZ“ bearbeitet. Zur pädagogischen Konzeption des Max-Mannheimer-Studienzentrums gehört, dass die begleitenden Lehrkräfte in den Workshops nicht dabei sind, damit sich Jugendliche gänzlich frei äußern können, ohne sich von LehrerInnen beobachtet zu fühlen.
Die begleitenden Lehrkräfte nutzten die Zeit, um sich in der KZ-Gedenkstätte ausführlich die dortige Ausstellung anzusehen.
Nach dem Ende der Workshops um 17.30 h wurden die Zimmerschlüssel ausgegeben und dann gab es auch schon Abendessen, wieder sehr vielfältig und gut. Um 19.00 h kamen alle nochmal zusammen und ließen den ersten Tag kurz Revue passieren.
Einige Stimmen von Schülerinnen und Schülern aus den Workshops und zur Unterkunft:
* „Wir haben uns zum Auftakt mit den verschiedenen „Winkeln“ beschäftigt, die die KZ-Häftlinge zur Kennzeichnung tragen mussten. Menschen wurden in Kategorien eingeteilt. Es gab Winkel in verschiedenen Farben für die verschiedenen „Vergehen“, so z.B. grüne Winkel für politische Häftlinge, rosa Winkel für Homosexuelle“.
* „Es gab eine Einführung in das KZ-Lagersystem und wir haben den Unterschied zwischen Arbeitslager und Vernichtungslager thematisiert.“
* „Wir durften alle Fragen stellen und sie wurden ernsthaft beantwortet: z.B. ob sich in der heutigen Zeit die Türen der Gaskammern immer noch schließen können, z.B. während der Besichtigung, was die Workshopleiterin ganz klar verneinte.“
* „Die Workshopleiterin macht ihren Job echt gut, sie kann gut erzählen und weiß gut über die Sachen Bescheid.“
* „Wir gingen zwischendurch schon zur KZ-Gedenkstätte und standen auf dem großen Appellplatz.“
* „Das Essen ist echt gut, viel besser als im Schullandheim.“
* „Die Atmosphäre war sehr offen, es war ein tolles Ambiente, man konnte alle Fragen stellen.“
* „Uns wurde ein Film über Dachau der 1950er Jahre gezeigt, als deutsche Vertriebene in den Baracken des Lagers untergekommen sind. Das war sehr bewegend.“
* „Ich fand´s krass, dass man nach dem Krieg Fotos und Postkarten von Dachau als Souvenir verkauft hat, auf denen Häftlinge zu sehen waren.“
Dienstag, 10.2.2026
Nach dem Wecken und dem abwechslungsreichen Frühstück begann der zweite Tag des Seminars. Die drei Gruppen trafen sich mit ihren Seminarleitern im Jugendgästehaus und starteten zur umfangreichen Geländebegehung.
Der Weg führt vom Jugendgästehaus vorbei am Areal, wo zur aktiven Zeit des KZ die SS-Mannschaften wohnten. Dort stehen Villen und kasernenähnliche Gebäude, je nach Dienstgrad war der Wohnstandard. Dieses riesige Gebiet befindet sich neben der eigentlichen KZ-Gedenkstätte, dem Bereich der Häftlingsbaracken. Diese Gebäude sind mit einem hohen stacheldrahtbewehrten Zaun von der Straße abgetrennt, da sie gegenwärtig von der bayerischen Bereitschaftspolizei genutzt werden. In direkter Nähe zu den Häftlingsunterkünften befinden sich Wirtschaftsgebäude, in denen die SS mehrere Betriebe unterhielt (z.B. eine Bäckerei und eine Uniformschneiderei), in denen die Häftlinge schuften mussten. An den Bereich der Häftlingsbaracken grenzte auch eine Plantage an, die SS-Führer Heinrich Himmlers persönliches Prestigeobjekt war: Als Anhänger der Pflanzenheilkunde und Homöopathie ließ er die Häftlinge dort eine Plantage zum Anbau verschiedener Nutz- und Heilpflanzen anlegen. Schon zur damaligen Zeit verkehrte eine Buslinie, die Haltestelle hieß beschönigend „Kräutergarten“ und trägt noch heute (völlig unkommentiert) diesen Namen, der die eigentliche überaus harte Arbeit, die ohne passende Gerätschaften verrichtet werden musste, verschleiert. Eine Kontextuierung oder Umbenennung wird bis heute abgelehnt.
Weiter ging es zum heutigen Eingang in die KZ-Gedenkstätte, das sog. Jourhaus. Wir erfuhren die Geschichte der Tür, indie die Nationalsozialisten in zynisch-menschenverachtender Weise das Motto „Arbeit macht frei“ einarbeiten ließen. Diese Tür wurde 2014 gestohlen und tauchte 2016 auf einer Müllverwertungsanlage inNorwegen wieder auf. Seitdem steht die Originaltür in der Ausstellung. Wir erfuhren auch, dass sich das Verhalten der Besucher der KZ-Gedenkstätte extrem verschlechtert hat. Es werden viele Gegenstände gestohlen (so z.B. der letzte noch im Original erhaltene Duschkopf im Brausebad im Krematorium), Selfies werden an den unpassendsten Orten gemacht und sogar in die Verbrennungsöfen haben sich schon Besucher gelegt.
Im Häftlingsbereich steht man dann auf dem riesigen Appellplatz, auf dem bis zu 50 000 Menschen Platz finden sollten. Betroffen hörten wir von den stundenlangen, manchmal sogar tagelangen Appellen, die die Häftlinge über sich ergehen lassen mussten. Die Nationalsozialisten fanden zudem immer noch Wege, die Strafen noch schlimmer zu machen, z.B. indem die Häftlinge im Winter noch mit Wasser nass geschüttet wurden. So starben Unzählige durch das bloße Appell-Stehen.
Der menschenverachtende Sadismus war auch Thema in den Häftlingsbaracken, von denen man zwei in den 1960er Jahren wieder aufgebaut hat. Die Menschen wurden zum Schlafen in dreistöckigen Bettgestellen zusammengepfercht und schliefen dort auf Strohsäcken, die am Tag beim sog. „Bettenbauen“ akkurat gefaltet werden mussten. Das Bettenbauen dauerte eine Stunde und wenn die SS-Männer schlechte Laune hatten, so wurde das gebaute Bett einfach herausgerissen und musste neu gefaltet werden. Über die zwölf Jahre des KZ-Betriebs wurden die Strohsäcke nicht gewechselt, sodass sie mit sämtlichen Körperflüssigkeiten getränkt und ein Hort für Läuse waren. Infektionskrankheiten waren eine häufige Todesursache. Menschenverachtung auch beim Bodenputzen: Dreimal pro Tag musste der Barackenboden auf Hochglanz poliert werden. Häftlinge, die an Öl oder Fett kamen, behielten dies oft nicht für sich, sondern setzten es lieber zum
Polieren ein, um die SS gnädig zu stimmen. Die hygienischen Umstände in den Baracken waren verheerend.
Wenn es eine Steigerung beim Schrecken der Orte gibt, die man in der KZ-Gedenkstätte Dachau sehen kann, so ist der Krematoriumsbereich ganz sicher einer davon. Wurden die Leichen zur Verbrennung zu Beginn des KZ-Betriebs noch auf den Münchner Ostfriedhof transportiert, so wurde bald ein erstes, dann ein zweites „leistungsfähigeres“ Krematorium gebaut. Im Gebäude befinden sich auch der Auskleideraum und eine Gaskammer, getarnt als„Brausebad“. Die Gaskammer war funktionsfähig; ob tatsächlich Vergasungen stattgefunden haben, ist für Dachau nicht belegt, jedoch diente die Anlage als Vorbild für die großen Vernichtungslager, z.B. Auschwitz. Gesichert sind hingegen die Verbrennungen Tausender und das Verstreuen der Asche in unmittelbarer Nähe. Der Bereich um das Krematorium ist daher wie ein Waldfriedhof angelegt, den viele Angehörige besuchen, weil es sonst keinen Ort zum Trauern für die Hinterbliebenen gibt. Von vielen Menschen ist nicht bekannt, wo ihre sterblichen Überreste sind. Den Schülerinnen und Schülern stand es frei, ob sie durch die Gaskammer und den Raum mit den Öfen gehen wollten.
Nach der Mittagspause war das übergeordnete Thema die Erinnerungskultur, also der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Auf dem Gelände wurden in den 1960er Jahren Gedenkstätten für verschiedene Religionen errichtet, so die katholische Todesangst-Christi-Kapelle, die evangelische Versöhnungskirche und die jüdische Gedenkstätte. Heute würde man wahrscheinlich eine Gedenkstätte für alle Opfer errichten, unabhängig von Religion, Herkunft, sexueller Orientierung oder sonstigen Kategorien.
Die Hierarchisierung von Gedenken im Geist der Nachkriegszeit wurde auch am Mahnmal des Internationalen Dachau-Komitees deutlich: Noch immer fehlen die rosa, grünen und schwarzen Winkel für die Opfer, die die Nationalsozialisten als „Homosexuelle“, als „Berufsverbrecher“ oder als „Asoziale“ kategorisierten, diffamierten und verfolgten. Das Internationale Dachau-Komitee lehnte es ab, auch dieser Opfergruppen im Mahnmal zu gedenken. Erst 2020 erkannte der Deutsche Bundestag wenigstens die beiden letztgenannten Gruppen als Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung an. Eine Tafel, die diese für uns heute fragwürdige und schwer nachvollziehbare Erinnerungskultur zumindest thematisiert, wurde erst im Herbst 2025 nach langen Diskussionen angebracht. Besonders unverständlich ist der Umstand, dass vom Künstler Nandor Glid selbst das Mahnmal so geplant war, dass aller Opfergruppen gedacht werden sollte.
Überhaupt ist die Geschichte der KZ-Gedenkstätte Dachau selbst sehr interessant und aussagekräftig in Bezug auf die Erinnerungskultur: Bis in die späten 1960er Jahre wohnten Vertriebene in den ehemaligen Häftlingsbaracken, die dann als „Wohngebiet Dachau-Ost“ bezeichnet wurden. Es gab dort einen Laden, ein Kino und auch ein Restaurant, das „Zum Krematorium“ hieß. Ungläubiges, entsetztes, sprachloses Staunen war unsere Reaktion, als wir diesen Namen hörten.
Der Film, der eindrucksvoll mit zeitgenössischen Filmdokumenten und Zeitzeugenaussagen über die Geschichte des Ortes informiert, führte uns weitere Details vor Augen, auch bewegende Bilder von Toten, die z.B. die bekannte amerikanische Fotografin Lee Miller in Dachau aufnahm. Überhaupt lernten wir an vielen Beispielen, dass wir mit Bildern des KZ differenzierend umgehen müssen: Welches sind „Täter“-Bilder, also NS-Propaganda, und woran erkennt man sie? In der Öffentlichkeit sollte Dachau zur NS-Zeit nämlich als „Musterlager“ präsentiert werden, in dem „Zucht und Ordnung“ herrsche, Dachau wurde im Sinne der NS-Ideologie als „Erziehungslager“ bezeichnet: Hier sollten z.B. politisch Abtrünnige zu „Volksgenossen“ „umerzogen“ werden. So gibt es zahlreiche Bilder, in denen Häftlinge in militärischer Ordnung zu sehen sind und diese Aufnahmen wurden zur NS-Zeit sehr wohl veröffentlicht.
An dieser Stelle wurde ein weiteres Mal sehr deutlich, dass die Formel der Nachkriegszeit „Wir haben von allem nichts gewusst“ eben eine Formel ist, in der die Abwehrhaltung der deutschen Nachkriegsgesellschaft zum Ausdruck kommt. In Dachau (und ganz Deutschland) wusste man sehr wohl von den Vorgängen, das KZ war ja sogar auf dem Dachauer Busfahrplan als eigene Haltestelle „SS-Lager“ verzeichnet.
Zur selbständigen Erkundung bietet sich die ständige Ausstellung im ehemaligenWirtschaftsgebäude an, die mit vielen Schrifttafeln, aber auch Exponaten informiert. Auch das Gebäude selbst ist natürlich ein Zeuge: Was bedeuten z.B. im sog. „Häftlingsbad“ die rechteckigen Aussparungen, die im Putz der Säulen fast unter der Decke zu sehen sind? Hier waren die Haken angebracht, an die die Menschen mit den Armen hinter dem Körper zum sog. Pfahlhängen gehängt wurden – eine grausame Strafe für geringste Vergehen.
Auch der sog. „Bunker“, ein Gefängnis im Gefängnis, legt bedrückendes Zeugnis über den Unrechtsstaat ab, der ab 1933 in Deutschland errichtet wurde. Hier saß ab 1938 Georg Elser als Hitlers persönlicher Gefangener ein. Er hatte versucht, Hitler durch ein Attentat zu töten, indem er eine selbstgebaute Bombe im Münchner Bürgerbräukeller versteckte. Elser wurde 20 Tage vor der Befreiung des KZ Dachau umgebracht. Warum ließ man ihn so lange bei vergleichsweise guten Haftbedingungen am Leben? Er sollte nach dem Krieg in einem großen Schauprozess abgeurteilt werden, um somit auf die „göttliche Vorsehung“, die Hitler geschützt habe, hinzuweisen.
Insgesamt zeigte die ausführliche, aber auch anstrengende Begehung des Geländes eindrucksvoll, was die Zerstörung der Demokratie und das Errichten der NS-Diktatur konkret bedeutete. Am 30. Januar 1933 wurde Hitler Reichskanzler und sieben Wochen später wurde das KZ Dachau in Betrieb genommen.
Nach dem sehr jugendgerechten Abendessen (Currywurst, Pommes frites, Eis) organisierten wir noch die Übergabe der Geschenke für die drei Seminarleiter, Herrn Naor und das Team der Jugendherberge.
Ein paar Stimmen vom Tag:
* „Es war anstrengend, wir sind viel gelaufen. Der eindrücklichste Moment war die Besichtigung der Gaskammer. Der Weg der Menschen dort war wie in einer Fabrik, wie bei einem Laufband. Das war sehr berührend. Der Guide hat uns viel erzählt, es wurde alles sehr ausführlich beantwortet. Es war gut, dass wir so viel Zeit hatten an dem Tag. Die Ausstellung im Wirtschaftsgebäude ist ebenfalls sehr informativ.“
* „Eine Mittagspause dazwischen war sehr gut!“
* „Man konnte sich in den Baracken den Alltag der Häftlinge sehr gut vorstellen, es war ein guter Tag, wir haben viel mitgenommen.“
Mittwoch, 11.2.2026
Heute erwartete uns der Höhepunkt der Fachexkursion: Das Zeitzeugen-Gespräch mit Abba Naor. Nach einer kurzen Vorbereitung durch die drei Seminarleitungen eröffnete Herr Naor das Gespräch mit der Frage an die Jugendlichen: „Wollt ihr wirklich zuhören? Seid ihr bereit? Denn was ich erzähle, ist nicht einfach, aber leider habe ich keine andere Erzählung und was ich erlebt habe, ist nicht schön.“ Dann begann Herr Naor mit den Erinnerungen an seine Kindheit in den Wiesen und Wäldern Litauens und einem historischen Exkurs über die Ansiedlung der Juden in Litauen. Religion war nicht wichtig, die Familie fühlte sich als litauisch und Herrn Naors Vater kämpfte im Ersten Weltkrieg für Litauen. Eindrücklich erzählte Herr Naor von der zunehmenden Feindseligkeit der Litauer gegen die Juden und spätestens mit Kriegsbeginn und der Besatzung Litauens durch die Deutschen sah sich die Familie zuerst der Ausgrenzung, dann der Verfolgung ausgesetzt. Bewegend ist die Szene, in der Herr Naor schildert, wie er das letzte Mal seinen Kakao in der Wohnung der Familie trank, die er nie wieder sehen sollte.
Die Flucht aus Kaunas führte zunächst nach Vilnius, aber die Sowjetunion nahm die jüdischen Flüchtlinge nicht auf, obwohl sie Sowjetbürger waren. So blieb nur die Rückkehr nach Kaunas in der Hoffnung, dort irgendwie zu überleben, eine trügerische Hoffnung angesichts der Pogrome der Litauer und der Verfolgung durch die deutschen Besatzer. Im August 1941 musste die Familie in das Ghetto von Kaunas umziehen, wo schrecklichste Lebensbedingungen herrschten. Die Toten lagen auf den Straßen. In dieser Zeit wurde auch Herrn Naors älterer Bruder Chaim beim Versuch, Brot zu besorgen, im Alter von 14 Jahren erschossen. Begleitet wurden Herr Naors Ausführungen durch Fotos aus dem Ghetto in Kaunas, sowohl Täter-Propaganda-Fotos als auch Bilder, die die Menschen dort heimlich aufnehmen konnten und die glücklicherweise erhalten sind.
Im Juli 1944, kurz vor dem Einmarsch der sowjetischen Armee am 1. August 1944, evakuierten die Deutschen das Lager und deportierten Herrn Naor und seine Familie auf einem Schiff über Königsberg in das KZ Stutthof bei Danzig. Dort wurde die Familie getrennt und Naors Mutter und sein kleiner Bruder Berale am 26. Juli 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet. Berale war erst sechs Jahre alt. Der 15-jährige Naor kam in das Dachauer Außenlager bei Utting. Unter grausamen Lebens- und Arbeitsbedingungen mussten die Gefangenen Betonplatten herstellen. Als er in das Lager Kaufering I kam, wurde das Überleben für Naor immer schwieriger. Am 24. April 1945 wurden die Insassen zunächst nach Dachau gebracht und Ende April zum Todesmarsch nach Bad Tölz gezwungen. Acht Tage dauerte der Marsch, und das ohne Verpflegung.
Auch der weitere Lebensweg Herrn Naors ist mehr als nur interessant: Am 2. Mai 1945, seinem 17. Geburtstag, wurde Herr Naor bei Waakirchen, rund 50 Kilometer südlich von München, befreit. Im Displaced-Persons-Lager Freimann in München traf er seinen Vater wieder. Sie fuhren nach ?ód?, wo sie überlebende Verwandte fanden. Von der ehemals sehr großen Familie hatten nur sieben Personen die Shoah überlebt. Herr Naor trat der zionistischen, militärischen Untergrundorganisation Hagana bei, die 1920 in Palästina zum Schutz jüdischer Siedlungen vor arabischen Angriffen gegründet worden war. Über Umwege gelangte er durch die Hilfe der Organisation im Mai 1947 nach Palästina. Zu Beginn arbeitete Naor dort bei der Militärpolizei, kämpfte als Soldat im Palästinakrieg 1949. Er lernte seine Frau Lea kennen und bekam mit ihr zwei Kinder. Später arbeitete Naor als Agent im Inlandgeheimdienst Shin Bet und war 1977 maßgeblich an der Rettung der Falaschen aus Äthiopien beteiligt.
Immer wieder sprachHerr Naor die Schülerinnen und Schüler direkt an und stellte Bezüge zur Gegenwart her. Seine Botschaft wurde an vielen Stellen deutlich, etwa als er sagte: „Ich will nur hoffen, dass die Welt gelernt hat, denn was geschah, kann nochmal geschehen.“
Die Frage, warum es solchen Hass gab und auch heute noch gibt, bleibt letztlich unbeantwortet, Herr Naor aber mahnt: „Wir kommen als Gäste auf die Welt und wir sollten uns als Gäste benehmen, jeder Mensch hat das Recht auf Leben!“ Im anschließenden Gespräch beantwortete Herr Naor die Fragen der Schülerinnen und Schüler, auch die sehr persönlichen und schwierigen über den Verlust von Verwandten und Freunden oder nach den Schuldgefühlen, die viele Überlebende quälen. Dem klaren Ausruf „Antisemiten sind Idioten!“ Herrn Naors folgte die Frage einer Schülerin: „Was gibt Ihnen die Motivation weiterzumachen?“ Die Antwort rüttelte die Schülerinnen und Schüler auf und bleibt im Gedächtnis: „Weil Ihr da seid!“ Die abschließende Frage nach einem Rat für die Jugend von heute beantwortete Herr Naor mit einem hoffnungsvollen Wort: „Heiratet!“
Die disziplinierte, respektvolle Stille, die während des Gesprächs herrschte, entlud sich in einem großen Applaus für Herrn Naor, der sich auch noch bereit erklärte, ein Gruppenfoto mit sich machen zu lassen und seine Memoiren zu signieren. Nach einem kurzen Mittagessen folgte die Nachbereitung des Gespräches mit den Guides und auch ihnen wurde ein kleines Präsent als Dank überreicht.
Nach diesen eindrücklichen Tagen folgte die Heimfahrt. Die Fachexkursion wird ein unvergessliches Erlebnis bleiben.
Jens Breitschwerdt (Text und Fotos; eines der Fotos: N.N.)